Kommentar: Ist das noch Sport?

Dieses Mal hat es geklappt. Eliud Kipchoge ist am 12. Oktober in Wien einen Marathon unter zwei Stunden gelaufen. Unter dem Motto „No human is limited“ hat er eine magische Grenze in der Leichtathletik verschoben. Doch ging es dabei wirklich um Leichtathletik, um Sport? Für Kipchoge selbst vermutlich schon, denn er musste dafür hart trainieren und ein Höllentempo durchziehen, 42,195 Kilometer lang. Laufen im Grenzbereich, im Ziel schien jene extreme Anstrengung über fast zwei Stunden sofort wie weggeblasen. Der Kenianer wurde von 41 Tempomachern unterstützt, unter denen bekannte Namen vertreten waren. Bernard Lagat (USA), ehemaliger Weltmeister über 1500 und 5000 Meter, und auch die Ingebrigtsen-Brüder aus Norwegen, die erst bei der Leichtathletik-WM in Qatar ihre Stärke gezeigt haben, waren mit dabei. Die Pacemaker wurden alle paar Kilometer ausgetauscht, deshalb kann die Zeit nicht offiziell gewertet werden.

Für die Tempomacher und für den Veranstalter Ineos, den britischen Chemiekonzern, war die „Challenge“ vor allem eines: eine gelungene PR-Kampagne. Und natürlich ist die Geschichte eine große Werbung für Kipchoge selbst. Die Tempomacher liefen in Schwarz gekleidet, allesamt mit den neonpinken Laufschuhen des Sportkonzerns Nike ausgestattet, Kipchoge kontrastiert in Weiß. Die Bilder wurden komplettiert von einer grünen Lasermarkierung, die zur Orientierung an die benötigte Zeit auf die Straße projiziert wurde. Alles durchgeplant und strukturiert, dem Zufall wurde keine Chance gelassen.

Auch wenn das bei einem Outdoor-Event kaum möglich ist, wurden die perfekten Bedingungen geschaffen. Der 9,6-Kilometer Rundkurs wurde extra frisch asphaltiert und an den Wendepunkten noch eine kleine Steilkurve installiert, in der Kipchoge kurz Schwung holen konnte. Dass es an diesem auserwählten Samstag losgehen würde, wurde erst am Mittwoch beschlossen und die Startzeit erst am Vortag festgelegt. Um 8:15 Uhr waren also die besten Temperaturen und kein zu starker Wind. Klingt alles stark nach Labor, wobei das bei einem Straßenrennen nie ganz erreicht werden kann.

Und dann ging es los, Kipchoge gegen die Uhr – ein Wettkampf, der eigentlich keiner mehr ist. Kipchoge gab zuvor an, er wolle Geschichte schreiben, der Nachwelt etwas hinterlassen, so wie Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond. Natürlich wollen Sportler Grenzen verschieben, besser zu sein als andere ist der Grundgedanke des Leistungssports. Aber 42 Kilometer im Sprinttempo zurückzulegen mit der ersten Mondlandung zu vergleichen – das grenzt an Hybris. Kipchoge hat sportlich vieles geleistet, er wurde Olympiasieger und hält den offiziellen Weltrekord im Marathon mit 2:01:39 Minuten aus dem Jahr 2018 in Berlin.

Mehr als anderthalb Minuten liegt die offizielle Zeit noch von der Schallmauer entfernt – das sind gut zwei Sekunden pro Kilometer. Doch was bringt es, wenn man eine Schallmauer durchbricht, danach der Weltrekord aber noch immer bei der Zeit aus Berlin stehen bleibt? Was bringt es, zu wissen, dass jemand unter Bedingungen, die nicht regelkonform sind, unter zwei Stunden einen Marathon bewältigen kann? Man weiß es eben. Aber was danach bleibt, sind mehr als 1,5 Minuten in der Realität.


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